Von „Clausheide“ nach „Klausheide“: Vom Gut zum Nordhorner Ortsteil

By Posted in - Blog on April 24th, 2014 0 Comments

Vom Gut zum Nordhorner Ortsteil

Die bauliche Entwicklung eines Stadtteils von Nordhorn

Klausheide ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Stadtteil Nordhorns. Denn Klausheide gehört nicht nur zu den letzten eingemeindeten Ortsteilen von Nordhorn, sondern Klausheide ist mit seiner Entstehung Anfang des 20. Jahrhunderts auch einer der jüngsten Stadtteile.

Ebenso ungewöhnlich ist die Entstehung von Klausheide. Der Ort ist kein gewachsenes Dorf, sondern geht auf Gründung des landwirtschaftlichen Mustergutes durch die Industriellenfamilie Krupp von Bohlen und Halbach zurück. Verbunden damit war die planmäßige Anlage sowohl des Mustergutes als auch vieler anderer erworbener Moor- und Heideflächen. Daraus entstand eine Kulturlandschaft, die heute stark von der Kultivierung am Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt ist. Ebenso geht der heutige Ortskern auf eine planmäßige Anlage zurück, die Anfang der 1950er Jahre entstanden war und mehrmals erweitert wurde.

Mit dem Gut Klausheide steht der Flugplatz Nordhorn-Lingen in engem Zusammenhang, geht doch seine Gründung maßgeblich auf die Familie Krupp von Bohlen und Halbach zurück. Auch der Flugplatz Nordhorn-Lingen gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen von Klausheide innerhalb Nordhorns. Obwohl das landwirtschaftliche Mustergut heute nicht mehr betrieben wird, prägt es Klausheide auch heute noch stark. Die Geschichte von Klausheide ist deshalb eng mit der Geschichte der Gutsanlage verknüpft.

Die Entstehung des Guts Klausheide

Vor der Gründung von Gut Klausheide erstreckte sich zwischen Nordhorn und Lingen eine flache Ebene mit Heideflächen und Mooren. Aufgrund der geringen Bodenqualität gab es zahlreiche unkultivierte Grundstücke. Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 verursachte die Industrialisierung ein starkes Bevölkerungswachstum, was neue landwirtschaftlich nutzbare Flächen erforderte. Aufgrund der Entwicklung erster Kunstdünger ab 1900 konnten bislang wenig fruchtbare Böden wie Heideflächen fortan bewirtschaftet werden.

Um ein landwirtschaftliches Mustergut aufbauen zu können, erwarb die Essener Industriellenfamilie Krupp von Bohlen und Halbach ab 1910 zwischen Nordhorn und Lingen Moor- und Heideflächen mit einer Größe von insgesamt 3.750 ha. Die befanden sich damals in den Landkreisen Grafschaft Bentheim und Lingen beziehungsweise in den Gemeinden Altendorf, Bakelde, Lohne, Herzford, Elbergen, Engden und Hesepe. Bertha Krupp von Bohlen und Halbach konnte die Grundstücke für den geringen Preis von 3 bis 4 Pfenning pro Quadratmeter kaufen. Denn um Grundstücksspekulationen vorzubeugen, waren Mittelsmänner eingesetzt worden.

Bei einem Besuch ihrer Liegenschaften am 27.04.1914 hatten Bertha und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach mitgeteilt, dass sie das Gut nach ihrem dritten Sohn Claus Krupp von Bohlen und Halbach benennen wollen. Der war am 18.10.1910 geboren worden, also in dem Jahr in dem die ersten Grundstücke für das Gut erworben werden konnten.

Im Jahr 1914 hatte man die Kultivierung der Moor- und Heideflächen aufgenommen: Um das geplante Mustergut waren ausgedehnte landwirtschaftliche Nutzflächen angelegt worden, während man den südlichen Teil am Ems-Vechte-Kanal aufgeforstet hatte. Im gleichen Jahr sollte auch mit dem Bau des Gutshofes begonnen werden, was der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zunächst verhindert hatte. Am 05.04.1915 konnte man jedoch die Vorarbeiten und am 09.06.1915 die Erdarbeiten für den Gutshof in Angriff nehmen. Mit dem Bau der Wirtschaftsgebäude war 1915 begonnen worden, und das Herrenhaus mit zwei benachbarten Nebengebäuden hatte man ab 1916 errichtet. Im November 1917 waren die Bauarbeiten soweit fortgeschritten, dass der Verwalter ins Hauptgebäude einziehen konnte. Allerdings dauerten die Arbeiten am Gutshof kriegsbedingt noch bis 1919. Der Gutshof war 7 km nord-östlich von Nordhorn und etwa 13 km süd-westlich von Lingen auf dem Gebiet der Gemeinde Bakelde errichtet worden. Um die Baumaterialien über den nahen Ems-Vechte-Kanal herbeischaffen zu können, war zwischen dem Kanal und dem Bauplatz für den Gutshof 1914 eine Schmalspurbahn angelegt worden. Die hatte man 1920 sogar bis zum Bahnhof Elbergen verlängert, wo ein Anschluss an die Bahnstrecke von Münster nach Emden bestand, und 1929 schon wieder stillgelegt und demontiert. Nach dem Vorbild ostpreußischer Hofanlagen hatte der Architekt Hermann den Gutshof als Vierkantanlage um einen etwa 200 x 100 m großen, rechteckigen Platz entworfen, den eineinhalbgeschossige Ziegelbauten säumen (Abb. 1).

Abb. 1

(Abb.1: Gut Klausheide, Luftaufnahme, um 2000)
An der südlichen Schmalseite steht in der Mitte das Herrenhaus, zu dem von Süden von der 300 m entfernten Verbindungsstraße zwischen Nordhorn und Lingen eine Allee führt (Abb. 2).

 

Abb. 2

(Abb. 2: Gut Klausheide, Herrenhaus mit Allee, um 2000).

Flankiert wird das Herrenhaus an dieser Platzseite von zwei Nebengebäuden, gegenüber denen es leicht nach Süden zurückversetzt ist. An den beiden Längsseiten stehen je zwei Wirtschaftsgebäude, jeweils ein 70 m und ein 130 m langer Bau, und im Norden schließt den Platz eine hölzerne Wagenremise. Etwa 100 m östlich dieser Anlage befinden sich die Gebäude der ehemaligen Gärtnerei. Das gesamte Gut ist von Mauern und weiteren Alleen eingefasst und besitzt eine Fläche von 13 ha.

Im Zentrum der Gutsanlage steht das Herrenhaus, welches neben der Wohnung der Familie Krupp von Bohlen und Halbach die Wohnung des Verwalters und Büroräume beherbergte. Den zweigeschossigen, mit einem Walmdach versehenen Mittelteil des Herrenhauses flankieren zwei eingeschossige Flügel mit Mansarddächern, und den Haupteingang an der Allee im Süden markierte einst ein Portikus.

Die beiden spiegelsymmetrisch zueinander angelegten Nebengebäude betonen die südlichen Ecken der Vierkantanlage durch zweigeschossige Baukörper mit Zeltdächern, denen sich zum Herrenhaus hin eingeschossige Flügel mit Walmdächern anschließen. Während im westlichen Nebengebäude eine Wäscherei, Molkerei, Schlachterei und eine Inspektorenwohnung untergebracht waren, barg das andere Nebengebäude einen Stall für Reitpferde, Kutschen und eine Kutscherwohnung.

Die langen Wirtschaftsgebäude bedecken mächtige Satteldächer, welche hölzerne Dachwerke tragen. Die ergänzen im Innern der Gebäude Tragwerke aus Gusseisen und Eisenbeton nach dem sogenannten ‚Hennebique’-System. Das war damals eine moderne Konstruktion für Betonskelette, die beispielsweise auch in der 1911/12 errichteten Spinnerei Bussmaate in Nordhorn Verwendung gefunden hatte.

In den Wirtschaftsgebäuden auf der östlichen Platzseite fanden Ställe für Arbeitspferde und Schafe, Lager für Futter und Dünger sowie eine Schmiede und eine Tischlerei Platz, während in den gegenüber liegenden Wirtschaftsgebäuden Ställe für Rinder, Kälber, Schweine, ein Getreidelager, eine Schlosserei und ein Stromaggregat untergebracht waren.

Außerhalb der Gutsanlage hatte man schließlich 1919/20 beiderseits der Verbindungsstraße zwischen Nordhorn und Lingen 18 Doppelwohnhäuser errichtet, welche in 36 Wohnungen Unterkünfte für die Gutsarbeiter und ihre Familien boten. Die 18 Gebäude waren in vier Gruppen aufgeteilt, und zwar je vier Gebäude auf der Nordseite der Straße und je fünf Gebäude auf der Südseite, und einheitlich gestaltet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich auf dem Gut bis 1947 eine Versorgungseinheit polnischer Soldaten, und von 1948 bis 1951 diente es als Unterkunft für Tuberkulosepatienten des Kreiskrankenhauses. Im Jahr 1951 erwarb die Saatzuchtgesellschaft von Lochow Petkus GmbH das Gut einschließlich von 1.100 ha Kulturland für 900.000 DM von Bertha Krupp von Bohlen und Halbach, da sich die sandigen, roggenfähigen Flächen bestens für die Saatzucht eigneten. Mit der Übernahme des Gutes ging die Umstellung von der Viehhaltung und -zucht auf die Pflanzenzucht und Saatgutproduktion einher. Hierfür dienten die Wirtschaftsgebäude als Getreidespeicher.

In den folgenden Jahren veranlasste die von Lochow Petkus GmbH einige Baumaßnahmen am Gut, für die sich der aus Bergen, Kreis Celle, stammende Architekt Hannes Berndt als Entwurfsverfasser verantwortlich zeichnete. Im Jahr 1953 hatte die von Lochow Petkus GmbH nördlich der Rechteckanlage eine Feldscheune errichtet, die im Innern eindrucksvolle hölzerne Fachwerkbinder tragen. Ebenso wurde das Haupthaus umgebaut, und zwar 1962, wobei man den Portikus abgetragen hatte. Das Haupthaus und die beiden Nebengebäude dienten der von Lochow Petkus GmbH als Küche und Casino für die Mitarbeiter sowie als Gästehaus. Später, 1991 und 1997, hatte die von Lochow Petkus GmbH östlich der Rechteckanlage für ihr Saatgut eine Aufbereitungshalle sowie eine Lagerhalle gebaut .

Indessen waren bereits 1990 das ehemalige Herrenhaus und die beiden Nebengebäude sowie das Grundstück zwischen diesen Gebäuden und der Bundesstraße 213 an die Arbeiterwohlfahrt verkauft worden. Von 1991 bis 1994 nutzte die Stadt Nordhorn diese Gebäude als Unterkünfte für Asylbewerber. Seit einem Umbau 1994 dient das ehemalige Herrenhaus der Arbeiterwohlfahrt als Anstaltsgebäude für abhängigkeitskranke Menschen. Kurz darauf hatte die Arbeiterwohlfahrt in einem der Nebengebäude eine weitere Wohngruppe eingerichtet, und 2001 sowie 2007 wurde das andere Nebengebäude ebenso für diesen Zweck umgebaut .

Ebenso hatte die von Lochow Petkus GmbH die ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Gutes veräußert. In denen hatten sich in den folgenden Jahren verschiedene Gewerbebetriebe angesiedelt. Schließlich war 2009 bei den in den 1990er Jahren errichteten Gebäuden der von Lochow Petkus GmbH eine Biogasanlage entstanden .

Luftfahrt in Klausheide: Der Flugplatz Nordhorn-Lingen

Namentlich durch die Förderung von Claus und Alfred Krupp von Bohlen und Halbach hatte die Luftfahrt in Klausheide Fuß gefasst. Denn seit 1927 konnte der Weltkriegsveteran Derk Averes die sogenannte „Kaninchenwiese“ beim Gut Klausheide für Starts und Landungen nutzen. Erwähnt wurde der heutige Flugplatz, etwa 1,5 km süd-östlich des Gutes innerhalb der Ländereien der Familie Krupp von Bohlen und Halbach gelegen, erstmals 1928/29, und zwar als Notlandeplatz im Streckennetz der Deutschen Lufthansa.

Erste Baumaßnahmen standen in dieser Zeit auch an: Bereits 1928 hatte Derk Averes mit Unterstützung der Nordhorner Industrie eine Flugzeughalle errichten lassen, welcher 1933 eine weitere mit Unterkünften gefolgt war; gleichzeitig war das Flugplatzgelände vergrößert worden. Den Flugplatz nutzten damals vornehmlich Segelflieger, worauf der Platz 1933 zum Segelflugzentrum des Emslandes geworden war. Mit Spenden der Nordhorner Textilindustrie konnte 1936 eine weitere Flugzeughalle erstellt werden.

Im gleichen Jahr erhielt der Platz den Status eines Hilfslandeplatzes der Luftwaffe. Hierfür wurde der Flugplatz 1939 vergrößert, und nach Kriegsbeginn hatte man im Bereich des südlich angrenzenden Luft-/ Bodenschießplatzes einen Scheinflugplatz angelegt. In den Jahren 1943/44 schloss sich eine weitere Ausbauphase für die militärische Nutzung des Platzes durch die deutsche Luftwaffe an. Die endete nach zwei Luftangriffen durch alliierte Flugzeuge am 25.02. und 24.03.1945 mit schweren Zerstörungen des Flugplatzes.
Zwar war der Platz noch einmal provisorisch hergerichtet und durch die britische Luftwaffe, die Royal Air Force, kurzzeitig betrieben worden. Doch danach lag der Flugplatz zunächst still. Das Gebäude der Flugleitung diente als Unterkunft für Flüchtlinge und eine Flugzeughalle als Stall. Es gab sogar Überlegungen, den Flugplatz vollständig aufzugeben und das Gelände aufzuforsten.
Solche Pläne hatte man jedoch nicht umgesetzt. Vielmehr wurde der Flugplatz ab 1951 instandgesetzt, so dass 1952 das erste Segelflugzeug nach dem Krieg von dem Platz abheben konnte. Ab 1956 durfte auch Motorflugzeuge wieder starten und landen.

Mit dem wiederaufgenommenen Flugbetrieb gingen mehrere Baumaßnahmen einher. Ebenso 1956 wurde eine erste Flugzeughalle nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Luftsportverein Grenzland e. V. nach dem Entwurf des renommierten Nordhorner Architekten Werner Zobel errichtet.

Der folgten zwischen 1961 und 1997 insgesamt sechs weitere Flugzeughallen im Auftrag der Flugplatz Nordhorn-Lingen GmbH und ab 2004 eine Werkstatt. Ferner hatte man 1960 eine eigene Tankstelle auf dem Flugplatz eingerichtet .
Der zunehmende Flugverkehr erforderte eine Erneuerung der technischen Anlagen. Deshalb wurden 1966 der Flugplatz Nordhorn-Lingen GmbH Finanzmittel für eine neue Flugleitung, eine Nachtflugbefeuerung und eine größere Landebahn bereitgestellt. Sowohl die neue Flugleitung, ebenso mit neuem Gebäude (Abb. 3), als auch die Nachtflugbefeuerung konnten am 07.06.1968 den Betrieb aufnehmen.

Abb. 2 Abb. 3

(Abb. 3: Flugplatz Nordhorn-Lingen, Gebäude der Flugleitung, um 1980)

Hiervon sah die Planung für das Gebäude der neuen Flugleitung einen späteren Ausbau um ein Restaurant vor, welches letztendlich 1983 errichtet und 2011 erweitert worden war . Schließlich stand Ende der 1980er Jahre der Ausbau der Start- und Landebahn an: Denn 1987 wurde mit dem Ausbau der 900 m langen und 20 m breiten Piste begonnen, und 1990 hatte man die Rollbahn asphaltiert.

Während der Nachkriegszeit hatte sich die Zahl der Flugbewegungen vervielfacht. Während 1961, bald nach der Wiederaufnahme des Flugverkehrs, insgesamt nur 5.914 Flugbewegungen zu zählen waren, so waren das 1990, im Jahr der Fertigstellung der neuen Rollbahn, insgesamt 28.044. Damit hatte sich der Flugplatz Nordhorn-Lingen zu einem attraktiven Ziel für Wirtschaft und Tourismus entwickelt.

 

Vom Artillerieschießplatz in der Engdener Wüste zum Luft-/ Bodenschießplatz Nordhorn

Eine weitere Anlage innerhalb der ehemaligen Besitztümer der Familie Krupp von Bohlen und Halbach, welche in der Vergangenheit die Entwicklung von Klausheide maßgeblich beeinflusst hat und noch beeinflusst, ist der Luft-/ Bodenschießplatz Nordhorn. Entstanden war der in den damaligen Gemeinden Elbergen, Emsbüren, Hesepe, Leschede und Lohne. Da die südlich des Ems-Vechte-Kanals gelegenen, fast 2.200 ha großen Grundstücke des Kruppschen Gutes landwirtschaftlich nicht genutzt werden konnten beziehungsweise kein Interesse daran bestand, überließ sie die Familie Krupp von Bohlen und Halbach 1933 der Reichswehr.

Fortan dienten diese Flächen und weitere Privatgrundstücke von Bauern umliegender Ortschaften der Reichswehr als Artillerieschießplatz. Als solcher wurden die Grundstücke spätestens ab 1935 genutzt. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stand das Gelände auch der Luftwaffe als Übungsplatz zur Verfügung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die britische Luftwaffe den Übungsplatz übernommen: Ab 1947 wurde er als Bombenabwurf- und Schießplatz unter der Bezeichnung „Nordhorn Air To Ground Weapon Range“, kurz „Nordhorn Range“, genutzt. Ein Vertrag vom 05.05.1955 regelte, dass der Platz den britischen Streitkräften überlassen werden musste, solange es militärisch notwendig ist.

Insbesondere die angespannte politische Lage während des „Kalten Krieges“ erforderte aus militärischer Sicht eine intensive Nutzung des Übungsplatzes, und zwar nicht nur durch die britische Luftwaffe, sondern auch durch Streitkräfte weiterer verbündeter Staaten.

Mit dieser intensiven militärischen Nutzung des Übungsplatzes ging eine starke Lärmbelastung für die Bevölkerung in Klausheide einher. Darüber hinaus kam es zu Flächenbränden im Elberger Moor durch Bombenabwürfe, Fehlabwürfen von Übungsmunition außerhalb des militärischen Übungsplatzes und nicht zuletzt zu Flugzeugabstürzen, welche zu ersten Protesten in der Bevölkerung ab 1954 führten. Anfang der 1970er Jahre eskalierte der Konflikt um die „Nordhorn Range“: Am 08.07.1971 besetzten etwa 800 Männer, Frauen und Kinder die „Nordhorn Range“, woraufhin der Übungsbetrieb für 24 Stunden eingestellt werden musste. Bei dieser Protestaktion entstand die „Notgemeinschaft Nordhorn-Range e. V.“, eine der ersten deutschen Bürgerinitiativen, die sich für die Schließung der „Nordhorn Range“ beziehungsweise des Luft-/ Bodenschießplatzes Nordhorn engagierte. Da sich die Lärmbelastung für die Bevölkerung durch den militärischen Übungsbetrieb nicht verminderte, spitzte sich der Konflikt 1973 erneut zu: Nach einer Blockade der „Nordhorn Range“ wurde sie am 12.06.1973 von über 1.000 Demonstranten nochmals besetzt, welche zwei Tage später den Platz wieder verlassen mussten.

Nachdem die „Notgemeinschaft Nordhorn-Range e. V.“ 1989 neu gegründet worden war, wählte man verstärkt andere politische und juristische Mittel, um die Schließung der „Nordhorn Range“ herbeizuführen. In den Jahren 1991/92 wollten Klagen von sechs Gemeinden und einer Samtgemeinde, deren Gebiete durch den Betrieb der „Nordhorn Range“ betroffen waren, sowie von Privatpersonen verhindern, dass sich die Bundeswehr am Übungsbetrieb beteiligt. Mit Urteil vom 27.11.1998 hatte das Verwaltungsgericht Osnabrück alle Klagen zurückgewiesen, da ein verteidigungspolitisches Bedürfnis für den Betrieb des Übungsplatzes bestehe. Nachdem die Bundeswehr von den britischen Streitkräften den Luft-/ Bodenschießplatz Nordhorn 2001 übernommen hatte, richtete sich hiergegen eine weitere Klage, die von den Landkreisen Emsland und Grafschaft Bentheim sowie sechs anderen Kommunen erhoben worden war. Durch Urteil vom 16.07.2010 musste das Verwaltungsgericht Osnabrück auch diese Klage zurückweisen, weil die klagenden Kommunen durch die langjährige Nichtgeltendmachung ihres Abwehrrechts dieses verwirkt hätten.

Indessen reduzierte sich die Lärmbelastung durch den militärischen Übungsbetrieb des Luft-/ Bodenschießplatzes Nordhorn stetig. Gab es zu Zeiten des „Kalten Krieges“ etwa 20.000 Zielanflüge pro Jahr, so waren das Ende der 1990er Jahre noch 12.000. Im Jahr 2013 kamen hingegen nur noch 900 Zielanflüge zusammen. Ferner wurden bereits Mitte der 1970er Jahre die Flugzeiten eingeschränkt. Ab Anfang der 1990er Jahre hatte die Bundeswehr längere Flugpausen während der Ferien eingerichtet, die nach und nach ausgedehnt wurden; außerdem konnte die Anzahl der Nachtflüge später reduziert werden. Schließlich wurde 1978 eine Lärmschutzverordnung erlassen, welche die finanzielle Unterstützung von Schallschutzmaßnahmen an damals vorhandenen Wohnhäusern und anderen schutzwürdigen Gebäuden zuließ.

Auch wenn die Lärmbelastung durch den militärischen Übungsbetrieb abgenommen hat, wird von den betroffenen Bürgern zu Recht darauf hingewiesen, dass die Gefahren durch Fehlabwürfe oder gar durch Flugzeugabstürze weiterhin bestehen, wie solche Zwischenfälle leider immer wieder bestätigen. Deshalb setzt sich die „Notgemeinschaft Nordhorn-Range e. V.“, unterstützt von den betroffenen Landkreisen und Gemeinden, weiterhin für die Schließung des Luft-/ Bodenschießplatzes Nordhorn ein.

Vom Straßendorf „Clausheide“ zum Ortsteil „Klausheide“: Die Entwicklung des Ortskerns

Den Ausgangspunkt für die bauliche Entwicklung des heutigen Ortskerns von Klausheide bildeten die 18 Doppelwohnhäuser, welche 1919/20 beiderseits der Verbindungsstraße zwischen Nordhorn und Lingen errichtet worden waren. Dieses Straßendorf ergänzte in der Mitte der beiden südlichen Hausgruppen ab 1946 eine Notkirche für die katholische Gemeinde, welche auch den anderen Konfessionen zur Verfügung stand. Aufgrund des zunehmenden Verkehrs mussten jedoch die acht Doppelwohnhäuser auf der Nordseite der Verbindung zwischen Nordhorn und Lingen einer Verbreiterung der Bundesstraße 213 im Jahr 1978 weichen.

Das Straßendorf befand sich auf dem Gebiet der Gemeinde Bakelde, welche 1929 von Nordhorn eingemeindet worden war. Die zum Gut Klausheide gehörenden Teile, einschließlich der Siedlung, hatte man ausgegliedert und bildeten zunächst die Restgemeinde Bakelde. Die war noch zwei Jahre von Nordhorn verwaltet und 1931 zur selbständigen Gemeinde Klausheide mit einer Gemarkungsfläche von 2.014 ha erklärt worden. Etwa gleichzeitig hatte man die Schreibweise „Klausheide“ anstatt „Clausheide“ offiziell eingeführt, die sich allerdings nur langsam durchsetzen konnte.

Nachdem das Gut Klausheide 1951 an die Saatzuchtgesellschaft von Lochow Petkus GmbH verkauft worden war, begann die planmäßige Entwicklung des heutigen Ortskerns. Insbesondere für zugezogene Flüchtlinge und Vertriebene sowie für ehemalige Gutsarbeiter, welche im Ruhestand ihre Werkswohnungen räumen mussten, benötigte man neue Bauplätze. Mit Vertrag vom 23.11.1951 konnte die Gemeinde Klausheide von Bertha Krupp von Bohlen und Halbach 19,55 ha Heide- und Forstfläche als Bauland erwerben.

Nach dem städtebaulichen Entwurf des Nordhorner Architekten Bernhard Rammelkamp, welcher für die Gemeinde Klausheide noch alle folgenden städtebaulichen Planungen angefertigt hatte, war 1952 ein Bebauungsplan für ein neues Wohngebiet aufgestellt worden (Abb. 4).

Abb. 4_klein

(Abb. 4: Klausheide, städtebaulicher Entwurf für Bebauung am Klausheider Weg, Teilbebauungsplan von 1952)
Das sollte südlich des Klausheider Wegs, damals der Nordhorner Weg, und westlich der Flugplatzstraße entstehen, welche damals das Gut Klausheide direkt mit dem Flugplatz verband. Damit verlor Klausheide den Charakter des Straßendorfs und verlagerte sein Zentrum 400 m weiter nach Süden. Die Hauptstraße des Orts wurde der Klausheider Weg, an dem sich das Ortszentrum herausbildete. In Anlehnung an ein Raster wurden nach Süden rechtwinklig abzweigend vom Klausheider Weg die Krupp-, die Heideschul-, die Meineke-, die Middenstraße und der Sternbuschweg angelegt. Hiervon mündete die Kruppstraße im Süden in den Moorbirkenweg, während Rammelkamp die Heideschul-, die Meineke- und die Middenstraße zunächst als Stiche mit Wendehämmern ausgebildet hatte. Insgesamt sollten 111 Baugrundstücke geschaffen werden, 35 mit jeweils 2.500 m², weitere 35 mit jeweils 1.250 m² sowie 41 mit jeweils 1.900 m². Der städtebauliche Entwurf sah freistehende, mehrheitlich trauf- und vereinzelt giebelständige Gebäude vor. Deren Fluchten sollten teilweise zurücktreten, um platzartige Räume zu schaffen .

In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Grundstücke tatsächlich bebaut: Zunächst entstanden 1954 sieben Häuser mit je zwei Wohnungen sowie eine Vollbauernstelle, 1955 folgten weitere 46 Gebäude sowie 1958 nochmals 19 Häuser, eine Vollbauernstelle und ein Intensivbetrieb. Von diesen Gebäuden dienten viele als Eigenheime für Landarbeiter oder Nebenerwerbssiedlungen, was die großzügigen Grundstücke ermöglichten.

Etwa gleichzeitig, nämlich 1953, war ein weiterer Bebauungsplan für eine Wohnbebauung aufgestellt worden, die darauf beiderseits des Kleinen Rings nördlich des Klausheider Wegs und westlich des Espenwegs entstand. Hierfür sollte der Espenweg als Verbindung zwischen dem Klausheider Weg und der Bundesstraße 213 zunächst senkrecht in diese einmünden; eine nachträgliche Planänderung sah eine Verlegung dieser Zufahrt zur Bundesstraße nach Osten vor.

Für die Angestellten der Fensterfabrik Fritz van der Kamp & Sohn, welche sich ab 1962 auf Grundstücken westlich des Espenwegs angesiedelt hatte, waren gleichzeitig zwischen dem Espenweg und dem Sternbuschweg Wohnhäuser entstanden (Abb. 5).

Im Unterschied zu den vorherigen Planungen aus den 1950er Jahren hatte Bernhard Rammelkamp beim städtebaulichen Entwurf dieses Gebiets die neuen Straßen, den Liguster-, den Brahmbusch- und den Hainbuchenweg, leicht geschwungen angelegt. Außerdem besaßen die Grundstücke eine Fläche von durchschnittlich nur 800 m². Die Wohnhäuser wurden nicht parallel zu den Straßen, sondern leicht verdreht errichtet, um im Zusammenwirken mit den leicht geschwungenen Straßen den schematischen Zeilenbau früherer Planungen zu überwinden.

 

Abb. 5

(Abb. 5: Klausheide, städtebaulicher Entwurf für Bebauung zwischen dem Espen- und dem Sternbuschweg, Ausschnitt aus Teilbebauungsplan von 1961).

Auf der Grundlage dieses Entwurfs hatte die Gewo zunächst zehn einheitlich entworfene Wohnhäuser für Angestellte der benachbarten Fensterfabrik bauen lassen, welchen sich bald weitere Gebäude anschlossen. Die nach einer Planung Rammelkamps schlicht gestalteten, eingeschossigen Wohnhäuser bedecken flache Satteldächer, und seitliche Anbauten beherbergten ursprünglich Wirtschaftsräume, Futterküchen und Ställe .

Aufgrund der weiterhin bestehenden großen Nachfrage nach Bauplätzen folgte bald eine weitere Ausdehnung der Siedlung nach Norden, und zwar größeren Umfangs: Erneut nach Rammelkamps Entwurf wurde zwischen der Bundesstraße 213 und dem Klausheider Weg ein 10 ha großes Wohngebiet für etwas mehr als 100 Bauplätze mit Größen von 700 m² bis 1.000 m² ausgewiesen. Wie schon bei der vorherigen Planung südlich des Klausheider Wegs aus den 1960er Jahren erhielten die neuen Straßen einen kurvigen Verlauf: Parallel zur Bundesstraße 213 wurde der Nordring angelegt, welcher fortan auch als neue Erschließung der 1919/20 entstandenen Wohnhäuser diente, und zwischen dem Nordring und dem Klausheider Weg hatte man die Ermland-, Masuren-, Samland-, Schlesier und Brandenburgstraße eingefügt. Bis auf letztere erhielten alle anderen Straßen einen Versatz, wodurch sich jeweils ein Platz ausbildete. Bebaut wurde dieses Gebiet in den folgenden Jahren in mehreren Abschnitten mit Doppel- und vornehmlich mit Einzelhäusern.

Ab Mitte der 1960er Jahre erlebte Klausheide eine weitere Vergrößerung am südlichen Siedlungsrand, indem man zwischen den nord-süd-orientierten Straßen den Schwarzdornweg, die Sanddornstraße und den Hayessenweg ausgewiesen hatte. Diese Straßen waren jeweils nach einem städtebaulichen Entwurf Rammelkamps beiderseits mit Einzelhäusern bebaut worden .

Das stetige Wachstum von Klausheide erforderte auch den Ausbau der technischen Infrastruktur. Zunächst war nur die Flugplatzstraße befestigt, welche man bereits 1939 aus militärischen Gründen asphaltiert hatte, und die übrigen Straßen bedeckten eine Schlackeschicht. Lediglich der Klausheider Weg war 1964 gepflastert worden. Mit der Befestigung der übrigen Straßen wollte man bis zum Einbau der Leitungen für die Wasserversorgung und -entsorgung warten. Denn während der Anschluss an das Trinkwassernetz von Füchtenfeld bereits 1962 hergestellt werden konnte, war mit dem Bau der Kanalisation für die Entwässerung und einer Kläranlage erst 1964 begonnen worden. Wesentlich früher, nämlich 1953, war Klausheide elektrifiziert worden.

Eine nochmalige Siedlungserweiterung war ab 1973 südlich des Hayessenweges vorgesehen. Aufgrund behördlicher Bedenken wegen des Fluglärms, welchen der benachbarte Luft-/ Bodenschießplatz Nordhorn verursachte, wurde diese Planung Rammelkamps nicht umgesetzt.

In der Zeit seit dem 01.03.1974, in welcher Klausheide ein Nordhorner Ortsteil ist, konnten keine neuen Wohngebiete durch Bebauungspläne ausgewiesen werden. Denn wegen des Fluglärms durch den benachbarten Luft-/ Bodenschießplatz wurde 1978 die Lärmschutzverordnung erlassen. Die ermöglichte zwar einerseits die finanzielle Unterstützung von Schallschutzmaßnahmen an den bestehenden Wohnhäusern und anderen schutzwürdigen Gebäuden gegen den Fluglärm. Andererseits verbot und verbietet sie die Ausweisung neuer Wohngebiete über Bebauungspläne, um die Entstehung neuer lärmbelasteter Wohnungen einzuschränken. Daher konnten nur noch Baulücken mit neuen Wohngebäuden geschlossen werden. Hierzu gehörten unter anderem einige Grundstücke am Klausheider Weg zwischen der Brandenburgstraße und dem Espenweg sowie am nördlichen Abschnitt des Espenwegs, auf denen ab 2002 einzelne Wohnhäuser entstanden waren.

Vom Zeitpunkt des Baus der ersten Gutsarbeiterhäuser 1919/20 bis heute ist die Einwohnerzahl von Klausheide in mehreren Schüben stark angewachsen. Bald nach der Errichtung dieser Gebäude, 1925, lag sie bei 160 und kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 bei 248 Einwohnern. Vor Beginn der Ausweitung von Klausheide um den Klausheider Weg zählte die Gemeinde 1950 schon 429 Einwohner. Durch die geschilderten Maßnahmen erhöhte sich die Anzahl der Einwohner in Klausheide kräftig: 1961 waren es 729 Einwohner und 1969, am Ende dieses Ausbaus, 1.318. Heute zählt der Ortsteil Klausheide etwa 1.510 Einwohner.
Kirchen, Schule, Sport- und Schwimmhalle, Kindergarten und Dorfgemeinschaftshaus: Das Ortszentrum von Klausheide

Auf der Grundlage der städtebaulichen Planung für Klausheide von 1952 hatte sich der Klausheider Weg in den folgenden Jahren zur Hauptstraße entwickelt, an der sich gewerbliche Betriebe und öffentliche Einrichtungen angesiedelt hatten. Im Bereich zwischen dem Nordring und der Kruppstraße war das Ortszentrum mit mehreren öffentlichen Einrichtungen entstanden.

Den Anfang machte die evangelisch-lutherische St. Michaelis-Kirche. Nachdem die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde bereits 1956 einen Kirchenbauverein gegründet hatte, fand die Grundsteinlegung für die St. Michaelis-Kirche am 13.08.1960 statt, und am 25.01.1962 konnte die Kirche geweiht werden. Nach dem Entwurf des Osnabrücker Architekten Max Berling war diese Kirche 1960/61 westlich der Einmündung der Heideschulstraße in den Klausheider Weg errichtet worden: Berling hatte die Kirche, eine einschiffige Saalkirche, in ihrer Flucht gegenüber dem Klausheider Weg leicht verdreht, so dass sich ihr Vorplatz auch zur Heideschulstraße öffnet (Abb. 6), und den Kirchturm als gut sichtbare Landmarke am Klausheider Weg platziert.

Abb. 6

(Abb. 6: Klausheide, evangelisch-lutherische St. Michaelis-Kirche, 2014)

Auf die Errichtung der St. Michaelis-Kirche folgte bald der Bau der katholischen St. Ludgerus-Kirche, und zwar schräg gegenüber auf der Nordseite des Klausheider Wegs: Die Grundsteinlegung war am 23.08.1964, und am 16.11.1965 hatte man die Kirche St. Liudger, dem Missionar des Münsterlandes, geweiht.
Nach der Planung des Lingener Architekten Hermann Klaas besaß diese Kirche an der Südseite ein Seitenschiff, über dessen Flucht der fünfgeschossige Kirchturm am Klausheider Weg hervortrat. Der markierte zusammen mit dem Turm der benachbarten St. Michaelis-Kirche über viele Jahre das Ortszentrum von Klausheide.

Aufgrund der abnehmenden Anzahl von Gemeindemitgliedern sah sich die katholische Kirchengemeinde veranlasst, die St. Ludgerus-Kirche am 14.06.2009 zu entwidmen. Da keine angemessene Nachnutzung für das Gebäude gefunden werden konnte, ließ man die Kirche letztendlich im August 2011 abbrechen. Nachdem in der St. Michaelis-Kirche außer der evangelisch-lutherischen auch die evangelisch-reformierte Gemeinde von Anfang an ihre Gottesdienste gefeiert hatte, nutzt nun auch die katholische Gemeinde die St. Michaelis-Kirche für ihre heiligen Messen, so dass die Kirche heute ein Ort gelebter Ökumene ist.
In unmittelbarer Nachbarschaft der beiden Kirchen war als erste öffentliche Einrichtung der Gemeinde Klausheide im Ortszentrum 1961/62 das Dorfgemeinschaftshaus entstanden. Mit L-förmigem Grundriss war das Dorfgemeinschaftshaus nach dem Entwurf Bernhard Rammelkamps mit einem Flügel an der Heideschulstraße und dem anderen gegenüber dem Klausheider Weg zurückgesetzt entstanden, um hier einen Platz zu schaffen. Das Gebäude beherbergte ursprünglich Jugend- und Gemeinschaftsräume, Waschräume, Büros, unter anderem für den Bürgermeister, sowie im Obergeschoss eine Hausmeisterwohnung. Nach der Planung Bert Breidenbends, damals aus dem Nordhorner Architekturbüro Diening & Breidenbend, waren die Gemeinschaftsräume 1976 zu einem Kindergarten umgenutzt worden.

Als Ergänzung zum Dorfgemeinschaftshaus ließ die Gemeinde Klausheide zwischen diesem und der Einmündung der Kruppstraße in den Klausheider Weg 1973 eine Sport- beziehungsweise Mehrzweckhalle mit einem Hallenbad errichten. Nach dem Entwurf Bert Breidenbends gliedert sich das Gebäude in drei Baukörper mit Satteldächern, von denen jeweils eine die Sporthalle und das Schwimmbad sowie die mittlere Umkleiden und eine Milchbar aufnahm. Da das Hallenbad nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben war und sich nach dem Umbau des ehemaligen Dorfgemeinschaftshauses in einen Kindergarten Gemeinschaftsräume fehlten, hatte die Stadt Nordhorn das Hallenbad 2006/07 nach der Planung des Nordhorner Architekten Christian Beike zu einem Dorfgemeinschaftshaus umgestalten lassen (Abb. 7). Eine weitere öffentliche Einrichtung, die Schule, war in etwas größerer Entfernung vom Ortszentrum am Klausheider Weg entstanden. Vorher war die Schule in Klausheide in Provisorien untergebracht: Ab 1927 wurde zunächst in einem der 1919/20 erstellten Gutsarbeiterhäuser und von 1936 bis 1956 in einem umgebauten Lokschuppen unterrichtet. Die heutige Schule hatte man 1954/56 am Wendehammer der ursprünglich als Stich geplanten Heideschulstraße errichtet: Zunächst besaß sie zwei Klassenräume und einen Gruppenraum. Bald waren diese Räume jedoch zu klein, so dass man zum Unterricht in das Dorfgemeinschaftshaus ausweichen musste. Deshalb hatte man die Schule 1964 um einen Anbau mit vier Klassenräumen (Abb. 8) nach der Planung Bernhard Rammelkamps erweitert.

 

Abb. 7

(Abb. 7: Klausheide, heutiges Dorfgemeinschaftshaus nach dem Umbau 2006/07, 2014)

Abb. 8

(Abb. 8: Klausheide, Maria-Montessori-Schule, Gebäude von 1964, 2014)

Da die Schülerzahlen weiterhin angestiegen waren, musste man die Klassen 5 bis 8 nach Nordhorn auslagern und damit die Hauptschule Klausheide ab dem Schuljahr 1973/74 zu einer Grundschule herabstufen. Seit 2011 trägt die Schule den Namen von Maria Montessori, da seit dem Schuljahr 2000/01 die Pädagogik an den Grundsätzen der italienischen Ärztin ausgerichtet wird.
Außerhalb des Ortskerns war schließlich an der Flugplatzstraße, heute am Südrand des Gewerbegebiets Klausheide-Ost, der Friedhof von Klausheide angelegt worden. Auf dem war 1972 nach dem Entwurf Bernhard Rammelkamps die Friedhofskapelle errichtet worden, die mit ihrem von Leimholzbindern getragenen steilen Satteldach zeitgenössischen Entwurfsideen entspricht.

Die Gewerbegebiete von Klausheide

Klausheide war nicht nur aus einem gewerblichen Betrieb beziehungsweise aus dem landwirtschaftlichen Mustergut hervorgegangen, sondern wird auch heute noch durch ausgedehnte Gewerbegebiete geprägt. Der erste größere Gewerbebetrieb außerhalb des Gutes, welcher sich in Klausheide angesiedelt hatte, war die Fensterfabrik Fritz van der Kamp & Sohn, später Geka Klausheide. Nachdem am alten Standort in Nordhorn kein Ausbau mehr möglich war, hatte sich das Unternehmen in Klausheide auf einer Fläche von 1,7 ha südlich des Klausheider Wegs beziehungsweise westlich des Espenwegs niedergelassen, um in dem neuen Werk Fenster und Türen aus Holz herzustellen. Ab 1962 war maßgeblich nach Entwürfen Bernhard Rammelkamps auf dem Gelände südlich des Klausheider Wegs in mehreren Bauabschnitten die Fensterfabrik entstanden, deren 1965 errichteter Spänesilo noch heute eine weit sichtbare Landmarke bildet (Abb. 9). Nach Schließung der Fensterfabrik Fritz van der Kamp & Sohn in den 1990er Jahren wird das Areal heute von mehreren Gewerbebetrieben genutzt.

Abb. 9

Abb. 9: Klausheide, ehemaliger Spänesilo der Fensterfabrik Fritz van der Kamp & Sohn, 2014)

Eine weitere Liegenschaft, die von der Fensterfabrik Fritz van der Kamp & Sohn genutzt worden war, befand sich an der Flugplatzstraße. Hier hatte das Unternehmen in den 1970er Jahren ein bestehendes Gebäude übernommen und 1978 erweitert, um Fenster aus Kunststoff zu produzieren. Dieses Gebäude war 1970 ursprünglich für die Bekleidungswerke Joerg Modelle nach einem Entwurf des Nordhorner Architekten Werner Zobel errichtet worden.
Nach dem Vorbild der ebenso von ihm geplanten, 1961/63 errichteten neuen Verwaltung der Nino GmbH & Co. hatte Zobel die Näherei der Bekleidungswerke Joerg Modelle aus zwei Baukörpern zusammengesetzt, deren Grundflächen aus regelmäßigen Sechsecken bestanden, und derart ein zeittypisches Gebäude geschaffen. Nach der Erweiterung 1978 durch die Fensterfabrik Fritz van der Kamp & Sohn wurde dieses Gebäude später als Gokart-Bahn genutzt und nochmals vergrößert, wodurch die charakteristische Baukörperbildung verloren gegangen war.
Nachdem Klausheide eingemeindet worden war, hatte die Stadt Nordhorn zwei große Gewerbegebiete in Klausheide ausgewiesen. Denn nach dem Niedergang der großen Nordhorner Textilunternehmen wollte man für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben neue Grundstücke zur Verfügung stellen können. Zwischen der Bundesstraße 213 und der Flugplatzstraße war in zwei Abschnitten ab 1991 das Gewerbegebiet Klausheide-Ost mit einer Größe von insgesamt 113,3 ha entstanden. Ferner hatte die Stadt Nordhorn auf der anderen Seite der Bundesstraße 213 beziehungsweise östlich der Petkuser Straße 1997 das Gewerbegebiet Klausheide-Nord über eine Fläche von sogar 121,5 ha ausgewiesen. Während sich im Gewerbegebiet Klausheide-Ost zügig neue Unternehmen niedergelassen hatten, erfolgte der Ausbau des Gewerbegebiets Klausheide-Nord mit der Ansiedlung von Gewerbebetrieben erst ab 2008.

Einer der ersten Betriebe, der sich im Gewerbegebiet Klausheide-Ost an der Ernst-Heinkel-Straße niedergelassen hatte, war die Reinert-Ritz GmbH. Das 1970 in Radevormwald gegründete Unternehmen hatte 1992 eine zweite Produktionsstätte in Nordhorn erstellen lassen und 1994 sein Stammwerk von Radevormwald nach Nordhorn verlagert. Bis 2010 waren auf dem Firmenareal an der Ernst-Heinkel-Straße insgesamt fünf Betriebsgebäude errichtet worden (Abb. 10), in denen Halbzeuge und Rohrleitungsteile aus Kunststoff entwickelt und produziert werden.

Abb. 10

(Abb. 10: Gewerbegebiet Klausheide-Ost, Betriebsgebäude der Reinert-Ritz GmbH, 2014)
In Zeiten der Energiewende war 2012 am süd-östlichen Ende der Ernst-Heinkel-Straße auf zwei Grundstücken von insgesamt 15,2 ha außerdem ein Solarpark entstanden. Der steht wie die vielen anderen mittelständischen Unternehmen in den Gewerbegebieten von Klausheide für die Innovationsfähigkeit dieses Nordhorner Ortsteils.

Author: Dr. Christoph Uricher

Literatur:
Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Grafschaft Bentheim e. V. (Hrsg.), Das Gut Klausheide. Eine Zeitreise (Nordhorn 2010). Unveröffentlichtes Manuskript.
Friedrich, Willy, Klausheide – im Spiegel der Zeit, in: Der Grafschafter, 1970, S. 714-716.
Führ, Eduard, Arbeitsunterlagen zum Denkmalverzeichnis der Stadt Nordhorn (Nordhorn 1990). Unveröffentlichtes Manuskript.
Gerlach, Friedrich, Trotz Lärm und Bomben: „Nordhorn-Range bleibt“, in: Gerlach, Friedrich; Straukamp, Werner, Nordhorn und die 70er. Demonstranten, Stadtplaner und Textiler (Bad Bentheim 2004), S. 10-43.
Griese, Karl, Stadt Nordhorn. Ortsteil Klausheide. Antrag auf Aufnahme in das Dorferneuerungsprogramm (Nordhorn 2011). Unveröffentlichtes Manuskript.
Kühle, Ernst, Klausheide – Vom Straßendorf zur Wohnsiedlung, in: Jahrbuch des Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1964. Das Bentheimer Land 57 (Bad Bentheim 1963), S. 54-60.
Meyer, Harald, Dorferneuerungsplan Klausheide mit Altendorf und Bakelde – Stadt Nordhorn, Landkreis Grafschaft Bentheim. Entwurf 12.02.2014 (Hannover 2014).
Neuwinger, Wolfgang, Untersuchungen zur Siedlungs-, Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung der Gemeinde Klausheide (Hoogstede 1979).
Verein für Motorflug Klausheide e. V. (Hrsg.), Chronik. Verein für Motorflug Klausheide e. V. im Deutschen Aero Club e. V. (Nordhorn 1992).
Wagner, Herbert, Militär in der Region. Dokumentation über den Artillerieschiess- und Bombenabwurfplatz Engdener Wüste/ Nordhorn Range (Bad Bentheim 1989).

Web-Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Gut_Klausheide
http://de.wikipedia.org/wiki/Klausheide_(Grafschaft_Bentheim)
http://de.wikipedia.org/wiki/Luft-/Bodenschießplatz_Nordhorn
http://www.flugplatz-nordhorn-lingen.de
http://www.nordhorn.de
http://www.nordhorn-range-muss-weg.de
http://www.reinert-ritz.de

Abbildungsnachweis:
Abb. 1, 2, 6-10: Bauordnungsamt Nordhorn – Abb. 3: Stadtarchiv Nordhorn – Abb. 4, 5: Amt für Stadtentwicklung Nordhorn