Klausheide ist ohne das Mustergut undenkbar

By Posted in - Blog on Juni 11th, 2014 0 Comments

Text: Detlef Kuhn, Fotos: Werner Westdörp (Grafschafter Nachrichten) 

Nordhorner Stadtteil erinnert aus Anlass der Gründung vor 100 Jahren mit einem großen Fest an die Entwicklung

Man könnte die Männer für das Personal eines Gutsherren halten: Sie schneiden den Rasen, versorgen Pferde, Schafe, Hühner und drei Mini-Schweine sowie den Gemüse- und Bauerngarten. Denn das Herrenhaus ist immer noch imposant, auch wenn drinnen die Kristalllüster längst abmontiert sind und die feudale Empore fehlt. Wer es nicht wüsste, käme wohl nicht auf die Idee, dass die Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Besitz von 13 Hektar Land samt Gutshaus und Nebengebäuden ist.

100 Jahre Klausheide - Klausheider Gut

Die Verantwortlichen hatten offensichtlich den richtigen Riecher: Nach Umbauten startete 1996 das Wohnheim der Eingliederungshilfe für suchtkranke Männer und Frauen in dem Bereich zur Bundesstraße 213 hin, eine „abstinenzorientierte Einrichtung“ mit dem arbeitstherapeutischen Schwerpunkt in den Bereichen Tierhaltung, Garten und Wald, Holz- und Metallwerkstatt, Hauswirtschaft und Ergotherapie.

Die 56 Gutsbewohner, die in elf Doppel- und 34 Einzelzimmern untergebracht sind, machen einen überaus zufriedenen Eindruck, was wohl an der sinnvollen Beschäftigung liegt. Das freut Renate Koopmann, Arne Hinken und Johannes Esders verständlicherweise, die mit mehr als 30 Awo-Mitarbeitern für die Umsetzung des erfolgreichen Konzeptes verantwortlich sind.

Sehr gut dokumentiert hat die Awo die Geschichte des ehemaligen „Mustergutes Clausheide“, für das die Familie Krupp von Bohlen und Halbach 1914 den Grundstein legte. Die Fotos im Herrenhaus lassen die wechselvolle Geschichte Revue passieren: Denn die Kultivierung der scheinbar endlosen Moor- und Heideflächen, die die Grafschaft zu Beginn des vorigen Jahrhunderts prägten, waren eine visionäre Angelegenheit. Die Industriellenfamilie aus dem Ruhrgebiet dürfte aber kaum geahnt haben, wohin ihre Bemühungen einmal führen würden. Ohne ihre Idee gäbe es den Nordhorner Stadtteil Klausheide nicht. Das Jubiläum wird am Sonntag, 15. Juni, gefeiert, wenn die Arbeiterwohlfahrt ihr traditionelles Sommerfest zusammen mit dem Chronik-Team und vielen Aktiven aus Klausheider Institutionen zu einem großen Fest macht, wo der Konsum von Alkohol selbstverständlich verboten ist.

Günther Meinecke (87) und Leo Feld (77) staunen, wie gut die im Volksmund auch schon mal „Trinkgut“ genannte Musteranlage erhalten ist. Zwischen 1941 und 1972 haben die beiden Zeitzeugen auf dem Gut jeweils etwa 20 Jahre gearbeitet. Meinecke hat sogar neun Jahre lang bis zum Tod seines Vaters in der Försterwohnung auf dem Gut gelebt. „Hier hat der Chauffeursjunge gewohnt, mit dem ich oft gespielt habe“, zeigt er auf ein Fenster im ersten Stock des Nebengebäudes.

100 Jahre Klausheide - Klausheider Gut

Als Klausheider empfanden sie das Gut als Segen, weil es Arbeit schuf in schwierigen Zeiten. Auch wenn die Arbeit hart und lang war, von Arbeitstieren unterstützt. Als die ersten Mähdrescher kamen, war das eine „Sensation“. Kein Wunder also, dass es lange Zeit große Stallungen brauchte für Pferde, Kühe, Schweine und Schafe, die auch zur Versorgung dienten. Hühner wurden auf drei Ebenen gehalten. Dazu kamen die Werkstätten: Schmiede, Stellmacherei, Schlosserei sowie große Trocknungsanlagen. „Viele junge Leute sind wie wir mit dem Gut groß geworden“, sagen die beiden alten Männer. Es sei eine schöne Jugendzeit gewesen: „Wir waren immer draußen und aktiv, heute sitzen die Jungen doch ständig vorm PC.“

Wann die Industriellenfamilie nach Klausheide kam, erkannte man daran, „dass dann immer die lange Einfahrt geharkt wurde“. Günther Meinecke erinnert sich an legendäre Jagdgesellschaften, wo auch schon mal 1000 Karnickel geschossen wurden, die als Plage galten. Und die beiden erinnern sich an denkwürdige Erntefeste im „Heidekrug“, wo heute die Rockergruppe „Hells Angels“ residiert. Im Försterhaus wohnt seit 20 Jahren Kristine Möllerke, die mit ihrem Mann noch beim Saatzuchtbetrieb Lochow-Petkus gearbeitet hat. „Die Beziehungen zwischen Klausheide und dem Gut sind unglaublich vielfältig“, erzählt sie . Alle drei sind sich einig: Ohne das Mustergut wäre Klausheide undenkbar – und wohl nicht entstanden. Und auch der Flugplatz nicht, der als Alleinstellungsmerkmal gilt. Aber man hätte sich natürlich auch den Ärger um Nordhorn-Range erspart.

Einige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges kauft die Familie Krupp von Bohlen und Halbach zirka 3750 Hektar Moor- und Heideflächen für drei bis vier Pfennig pro Quadratmeter mit dem Ziel, einen großen modernen Gutsbetrieb aufzubauen und die Heideflächen landwirtschaftlich zu kultivieren. Die Dampfpflüge starten am 5. April 1914, für die Arbeit waren aber auch Pferde und Rinder nötig. Ab 1916 wurde mit den Aufforstungsarbeiten begonnen. Alleine im Frühjahr 1936 wurden auf einer Fläche von 600 Morgen Land etwa 1,8 Millionen Pflanzen gesetzt.

100 Jahre Klausheide - Klausheider Gut

Die „Kruppsche Kleinbahn“ transportiert von 1914 bis 1929 enorme Mengen an Baumaterial, Kunstdünger und Gutserzeugnissen bis zum Bahnhof Elbergen, von dort gab es einen Anschluss an die Bahnstrecke Münster-Emden. Der Bau des Gutes dauerte wegen des Krieges bis 1919. Die Industriellenfamilie nutzte das Gutshaus zum Wochenendurlaub oder lud Gäste aus Politik, Militär und Wirtschaft zur Jagd ein. 1920 wurden an der heutigen Bundesstraße 18 Doppelwohnhäuser für die Gutsarbeiter fertiggestellt. Auf den Flächen wurden Roggen, Kartoffeln und Lupinen angebaut sowie die Wiesen für die Heuernte eingesät.

Es muss allerdings sehr schwierig gewesen sein, aus unfruchtbarem Heide- und Moorboden urbares Land zu machen. Missernten erforderten erhebliche Zuschüsse. Der Verkauf des Gutes während der Weltwirtschaftskrise scheiterte, im Sommer 1925 kam ein Pächter für die nächsten 20 Jahre. Von 1945 bis 1947 befand sich eine Versorgungseinheit polnischer Soldaten auf dem Gut, von 1948 bis 1951 nutzte das Kreiskrankenhaus das Gut für Tuberkulosekranke. Der verantwortliche Arzt war Dr. in der Stroot.

1951 verkaufte Bertha Krupp von Bohlen und Halbach das Gut Klausheide inklusive 1100 Hektar Kulturland für 900 000 D-Mark an die Saatzuchtgesellschaft Lochow-Petkus. Haupt- und Nebengebäude wurden bis 1990 als Küche und Casino für die Mitarbeiter und Gästehaus genutzt. Bis 1994 mietete die Stadt Nordhorn Wohnungen im Gut Klausheide für bis zu 70 Asylbewerber aus Krisengebieten an.

Benedikt Wallmeyer, Frank Welling und Thomas Bräutigam freuen sich, dass etliche der 1500 Bürger, alle Vereine und Institutionen und viele Werbepartner sich an dem Projekt „Chronik Klausheide“ aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Gutes beteiligen. Hervorgegangen ist das Team aus dem Arbeitskreis Dorferneuerung. Zum Fest am Sonntag, 15. Juni, von 11 bis 17 Uhr liegt eine 100-seitige Chronik für alle Klausheider vor. Die vorbildliche Ökumene im Ort wird mit einem Gottesdienst zu Beginn gewürdigt. „Wir hätten aber Material für 400 Seiten gehabt“, ist das Chronik-Team sicher. Das hätte jedoch den Rahmen gesprengt. „Die Chronik soll aber fortgeführt und aktualisiert werden und ist damit für jeden zugänglich“, kündigt Benedikt Wallmeyer an.

Auch die Familiengeschichte von Nordhorns Bürgermeister Thomas Berling ist eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung von Klausheide verknüpft: Sein Großvater fand eine Anstellung auf dem Mustergut und zog daraufhin 1928 von Lingen-Brögbern nach Nordhorn.

100 Jahre Klausheide - Klausheider Gut

 

Spannende Geschichten rund um Klausheide gibt es im Internet auf www.klausheide-chronik.de.